12.000 km für 26,2 Meilen

…mein Trip zum New York City Marathon 2010


Im Sommer 2009 klingelte bei mir das Telefon: „willst du mit nach New York, nächstes Jahr?“ Ich bekam Gänsehaut schon bei dem Gedanken, aber ich glaube die Entscheidung war in diesem Moment bereits gefallen!

Nachdem ich das O.K. von meiner Liebsten hatte, wurden schnell die Formalitäten erledigt, so gab es kein Zurück mehr. Da eine Teilnahme am New York Marathon nicht gerade zu den Schnäppchen zählt, richtete ich ein extra Sparkonto mit monatlichen Raten ein, so dass im November 2010 das nötige Kleingeld zur Verfügung stand.

Die Zeit bis zum November verging wie im Flug und schon befand ich mich auf demselben. „Entfernung zum Zielflughafen 6000 km“ stand auf dem Bildschirm unseres Air Berlin Fliegers…iss das weit! Ich glaube wir hatten ziemlich Gegenwind, denn erst nach knapp 9 Stunden landeten wir in New York JFK.

Die Einreise verlief problemlos und nach kurzer Wartezeit saßen wir im Bus nach Manhattan. Ich bin ja schon in so mancher Großstadt gewesen, aber das hier verschlug einem fast den Atem. Es war mittlerweile dunkel geworden und der Anblick dieses Lichtermeeres…WAHNSINN! 

Im Hotel angekommen, es lag auf der 7. Avenue zwischen Central Park und Times Square, war alles für uns vorbereitet, so dass wir uns bereits nach wenigen Minuten in unserem Zimmer in der 22. Etage befanden. Natürlich ging der erste Weg zum Fenster, das ging so gar auf…iss das hoch! Später hörten wir von den anderen Mitreisenden, dass deren Fenster sich nur einen kleinen Spalt öffnen ließen.

Wir, ich rede immer von wir, ich unternahm diese Reise mit meinem ebenso laufverrückten wie liebenswerten Arbeitskollegen Matthias.

Am späten Abend, so gegen 22 Uhr, ließen wir uns ein landestypisches Abendessen schmecken, Steakburger mit Pommes und Pepsi. Eigentlich war es jetzt mittlerweile 3 Uhr in der Früh, aber so richtig müde waren wir nicht.

Die erste Nacht war die Hölle! Die Temperatur in unserem Zimmer ähnelte einer Sauna und wenn man sonst seine Nächte in Sandkrug verbringt kann man sich nicht vorstellen welchen Krach eine Großstadt bei Nacht erzeugt. Nachdem ich den Gedanken aus dem Fenster zu springen verworfen hatte und durch das ständige trinken in der Nacht genauso oft unser Badezimmer aufgesucht hatte ging die Höllenfahrt zu Ende.

Um 6 Uhr war ein Trainingslauf im Central Park angesetzt, aber nach einem Blick auf das Dach des Nachbargebäudes, wo die Regentropfen in den Pfützen tanzten, bedurfte es keiner Überredungskünste meinen Mitstreiter davon zu überzeugen noch ein wenig im Bett zu bleiben.

Nach dem gemeinsamen Frühstück ging es direkt zur Stadtrundfahrt. Die Scheiben unseres Busses waren dermaßen getönt, das fotografieren aus dem Bus eigentlich nur im „Nachtmodus“ möglich war.

Wollte ich nicht einen Bericht über den New York Marathon schreiben…kommt gleich!

Also möchte ich hier nicht im Einzelnen auf die Highlights der Stadt eingehen, nur ganz kurz…New York ist der Hammer!

Am Nachmittag hatte DER-Tour uns im B.B. King Club zu einer „Marathon-Kick Off-Veranstaltung“ eingeladen, wo wir u. a. von Dr. Thomas Wessinghage, einem Mann der die 5000 m schon in knapp über 13 Minuten gelaufen ist, auf den Lauf eingestimmt wurden. Danach ging es zum Javits Center, wo die Marathon Expo stattfand. In vielen Reiseberichten wurde auf die extrem lange Wartezeit zum abholen der Startunterlagen hingewiesen…es dauerte ca. 30 Sekunden und ich hatte alles in der Hand!

Nun gingen wir noch ausgiebig shoppen, ich glaube alleine auf dem Messestand von Asics waren wir ne´ gute Stunde und haben dort so einige Dollars verballert.

Am Samstag war schon wieder vor sechs die Nacht vorbei. Nach einem kurzen Frühstück ging es zu Fuß Richtung Vereinte Nationen. Dort sollte nach einigen Ansprachen um 09:00 Uhr der „Continental Airlines International Friendship Run“ starten. Trotz der lausigen Temperaturen herrschte dort eine geniale Stimmung. Als unter wildem Applaus die einzelnen Fahnenträger der beteiligten Nationen auf die Bühne gerufen wurden hatte ich echt Pipi in den Augen, es war einfach unbeschreiblich. Nach dem Start ging es durch Manhattan zum Central Park. Viele Läufer hatten ihre Fahnen dabei oder waren in den Landesfarben geschminkt, ein Franzose hatte sich sogar einen Eifelturm übergestülpt und die orangenen Holländer liefen natürlich in Holzschuhen. Selbst bei diesem Lauf, am frühen Samstagmorgen, jubelten schon tausende Zuschauer am Straßenrand.

Am Mittag wollten wir uns die Marathon Strecke ein wenig anschauen. Wir dachten der beste Ort dafür sei die Aussichtsplattform im 70. Stockwerk des Rockefeller-Centers, auch unter dem Namen „Top of the Rock“ bekannt. Was für eine Aussicht, die Sonne schien, der Himmel blau und am Horizont, winzig klein, die Verrazano Bridge. Dort sollten wir morgen früh starten.

Matthias telefonierte mit seiner Frau und versuchte die Größe des Central Parks irgendwie mit den Ahlhorner Fischteichen zu vergleichen.

Am späten Nachmittag ging es dann zum Marathon Eve Dinner, der Pasta-Party, wieder in den Central Park. Stilvolles Ambiente gepaart mit mächtig Stimmung. An großen runden Tischen mit Tischdecke und Blumenschmuck konnten wir uns die leckeren Nudeln, Aufläufen, Gemüse und Salate schmecken lassen. Im Anschluss gab es auf der Bühne im Zielbereich noch fetzige Live-Musik bis um 19:30 Uhr ein gigantisches Feuerwerk begann. Ein traumhafter Abschluss eines tollen Tages!

Da in dieser Nacht in den USA die Sommerzeit endete, stellten wir unsere Uhren um eine Stunde zurück und legten uns ziemlich früh in unsere Betten. Trotz der Aufregung schlief ich ziemlich lang und fest und wachte gegen 04:30 Uhr noch kurz vor dem Wecker auf. Unsere Gruppe traf sich bereits um 05:30 im Foyer des Hotels zum gemeinsamen Foto und um kurz vor sechs saßen wir bereits im Bus. Auf dem Weg durch Manhattan kamen wir an einem Thermometer vorbei das 32° Fahrenheit anzeigte, was so ungefähr 0° in Celsius ist. Wir fuhren kreuz und quer durch die Stadt, durch den Brooklyn-Batterie-Tunnel auf die Interstate 278 und dann tauchte sie auf, diese Wahnsinns Brücke. Die Verrazano-Narrows-Bridge, die größte Hängebrücke der Vereinigten Staaten. Hier werde ich in wenigen Stunden drüber laufen, dachte ich und hatte schon wieder Tränen in den Augen.

Der Verkehr war teilweise schon gesperrt und auf der Brücke waren fast nur Busse und in allen saßen die Läufer, die vielleicht ähnliche Gedanken wie ich in diesem Moment hatten. Als wir gegen sieben in Fort Wadsworth in New Jersey eintrafen wurden wir über Lautsprecherdurchsagen aufgefordert das Läuferdorf welches die Farbe unserer Startnummer hatte aufzusuchen. Dort angekommen, brachten wir als erstes unseren Kleiderbeutel zu dem entsprechenden UPS-Truck und im Anschluss besorgten wir uns einen heißen Kaffee mit Donat zum Frühstück. Da es lausig kalt war, suchten wir nach einem sonnigen Plätzchen und hüllten uns in die mitgebrachten Rettungsdecken. Die Zeit verging wie im Flug und da Matthias eine Welle vor mir startete, mussten wir uns schon bald verabschieden. Auf Großbildleinwänden und über Lautsprecher wurden nach und nach die Corrals aufgerufen die in den Startbereich müssen. Ruck zuck war ich dran, und nach einem kurzen Besuch auf dem Dixi, von denen es hunderte gab, ging ich in meine Startzone. Dort entsorgte ich die alten Klamotten, die ich wegen der Kälte, über der eigentlichen Kleidung trug. Da immer noch ein eisiger Wind wehte, behielt ich den Plastiksack den wir vom Reiseveranstalter bekommen hatten noch drüber. Langsam bewegte sich die endlose Menschenmasse zur Brückenauffahrt und auf einmal lief ich über die Startlinie. Jetzt ging er los, der Traum vom New York Marathon!

Es ging gleich schön bergauf, die Brücke lag vor uns und war so riesig. Auf dem Scheitelpunkt legte ich gleich meinen ersten Foto-Stopp ein, hier kommst du nie wieder her dachte ich und knipste reichlich. Nach einer Meile Steigung war die zweite Meile Gefälle ein Genuss. Links die „Upper Bay“, am Horizont Manhattan und rechts die „Lower Bay“, hinaus aufs offene Meer. Am Ende der Brücke entledigte ich mich erst mal des Plastik-Überziehers, denn jetzt ging´s nach Brooklyn. Tausende Menschen standen am Straßenrand und das sollte jetzt 42 km so weitergehen. Fast fünf Meilen geht es hier annähernd geradeaus und vor mir eine endlose Läufermenge und wenn ich zurück schaue das gleiche Bild. Die Zeit rennt schneller als ich und schon sehe ich ein Schild:„Wellcome in Queens“. Die meiste Zeit laufe ich am Rand, Hunderte von Zuschauern halten mir die Hand zum abklatschen hin und rufen: „good job“, „you looks good“, es ist so klasse!

Nach ca. 26 km merke ich schlagartig wieder, dass ich mich bei einem Marathonlauf befinde. Es geht die Queensboro-Bridge rauf. Angeblich sind das nur 40 Höhenmeter, aber doch irgendwie höher als die Osenberge! Runter geht’s genau so steil und dann um die Ecke und dann ab auf die 1st Avenue. Jetzt geht’s fast 6 km kerzengerade durch Manhattan, aber immer schön rauf und runter, wer hätte das geahnt mitten in dieser Stadt. Die Menschen stehen hier in mehreren Reihen hintereinander an der Straße, Tausende, was für eine Stimmung!

Aber auch die 1st Avenue hat mal ein Ende, rauf auf die Willis Avenue Bridge und ab in die Bronx. Mittlerweile an Mile 20 angekommen, gibt’s jetzt zusätzlich Bananen an den Getränkeständen Ich bin so happy, weil ich dieses Power-Gel so zum kotzen finde und genieße jedes einzelne Bananenstück! Da die Bananen mit Schale verteilt werden, kommen ab jetzt an jeder Verpflegungsstation zu den 30.000 Pappbechern nochmal so viele Bananenschalen dazu die auf der Straße liegen…Vorsicht Glatteis!

Der Abstecher durch die Bronx ist nur kurz und schon bin ich in Harlem. Immer wieder rufen die Zuschauer: „good job, good job“ und halten mir die Hand zum abklatschen hin. Ehe ich mich versehe befinde ich mich auf der 5th Avenue und auf der rechten Seite taucht der Central Park auf. Ich erreiche Meile 23…auch der schönste Marathon der Welt ist anstrengend! Nun geht’s rechts ab in den Central Park. Trotz der Hügel die man hier rauf und runter laufen muss, ist dieser Streckenabschnitt phantastisch. Die Sonne scheint und die Bäume im Park erstrahlen in den allerschönsten Herbstfarben…Indian Summer pur! Wer glaubt das die Zuschauer in New York irgendwann mal ruhiger werden…Fehlanzeige! Seit wie vielen Stunden stehen die hier schon und werden einfach nicht müde dich immer wieder anzufeuern.

Jetzt kommt der Columbus Circle in Sicht und schwupps wieder rechts ab in den Park. Nur noch wenige Hundert Meter bis zum Ziel. Ich laufe nur noch an den Absperrgittern entlang, jeder, wirklich jeder hält die Hände hin, die Zuschauer sind außer sich, rufen immer nur: „go go go“, „good job“, mir laufen die Tränen die Backe runter, was für ein Gefühl dieses letzte Stück zu laufen, nix tut weh, kein bisschen Müdigkeit, einfach nur dieses Gefühl, ich würd´s gern konservieren, in Dosen packen, abspeichern…..

Drei Zieltore gibt es, ich nehme das rechte, reiße die Arme hoch und habe es geschafft. Für Amerikaner ist es das Größte, einmal in New York zu finishen, ich hab´s geschafft, das kann mir keiner mehr nehmen, nie mehr,  ich bin sooo glücklich!

Jeder Ordner der in der Nähe steht gratuliert mir, das Mädel mit der Medaille nimmt mich in den Arm nachdem sie mir das edle Stück um den Hals gehängt hat. Ein Polizist, zwei Soldaten, Sanitäter…..alle drücken mich, gratulieren mir als hätte ich den Marathon gewonnen! Eine Helferin legt mir eine Folie um, eine zweite klebt sie vorne zu, man kommt überhaupt nicht zum Stillstand.

Ich habe viel gehört von dem „Marathon nach dem Marathon“, jetzt geht er los. Man findet sich automatisch in einer unendlichen Menge, von in Folien eingehüllten, Läufern wieder. Nix mit anhalten oder hinsetzen, immer weiter, weiter, weiter! Links stehen die UPS-Trucks mit den Kleiderbeutel, rechts ein hoher Zaun, überall Ordner die jeden der sich an den Rand setzt sofort von Sanitätern abholen lassen. Die Trucks stehen in umgekehrter Reihenfolge, also der Erste hat die Nummer 69. Ich muss zu Nr. 53, ein endloses Geschiebe. Als ich endlich meinen Beutel in der Hand habe, lasse ich mir aus dem Inhalt zuerst mal die Cola schmecken. Irgendwann, ich glaube es war so bei Truck Nr. 33 gab es eine Abzweigung, Richtung Ausgang. Es war mittlerweile schon dunkel geworden und ich suchte mir am Rand ein Plätzchen um die trockenen Klamotten aus dem Beutel anzuziehen. Aber als erstes wischte ich mir mit dem roten „Run to Music-Handtuch“ den Schweiß aus dem Gesicht. Das Handtuch war ein Geschenk meiner Freitags-Gruppe aus dem Forum und musste natürlich mit in den Beutel. Gestärkt und mit trockenem Shirt machte ich mich auf den Weg zum Ausgang aus dem Park. Jetzt viel mir ein, das ich doch besser auch eine Jacke mit in den Beutel getan hätte, denn es war mittlerweile Ar…kalt geworden. Oben an der Straße angekommen, musste ich leider feststellen, dass ich mich an der 77th Straße, Central Park West befand. Das bedeutete 22 Blocks Heimweg zum Hotel und das auch noch mit Umwegen, da die Laufstrecke den Weg kreuzte und die Cops keinen über die Straße lassen.

Ich habe nicht auf die Uhr geschaut wie lange ich unterwegs war, aber auf einmal stand ich in der Hotel Lobby. Unsere Reiseleitung hatte eine Liste ausgelegt, auf der wir uns nach der Rückkehr eintragen sollten und hatte um einen kurzen Kommentar zum Lauf gebeten.

„Viel zu schön, um sich zu beeilen“ schrieb ich hinter meinen Namen.

Matthias lag schon auf dem Bett als ich ins Zimmer kam, wir beglückwünschten uns und er erzählte mir von seiner Traumzeit die er geschafft hatte. Hut ab, wer New York unter vier Stunden läuft hat´s schon drauf.

Leider war nicht viel Zeit zum ausruhen und nach einem kurzen Aufenthalt in unserer Dusche gings´s zum Abendessen. Natürlich zu Fuß! Wir waren ja mit der e-on / Ruhrgas Sportgemeinschaft unterwegs und wurden auch von dieser zum opulenten Gala-Dinner eingeladen. Eine ganze Etage eines Manhatter Restaurants war für uns reserviert. Die Getränke wurden in großen Karaffen serviert und die Kellner hatten ihre Not gegen den Durst der Marathonis anzukommen.

Es herrschte eine ausgelassene Stimmung, hatten doch alle 97 Läufer unserer Gruppe das Ziel erreicht.

Die letzte Nacht in New York ging schnell vorbei und wir gingen, das ist hier so üblich, mit der Medaille zum Frühstück. Selbst hier nahmen die Gratulationen kein Ende. Anschließend ging es nochmal in den Central Park, wo wir noch ein Finisher-Shirt kaufen wollten. Leider waren unsere Größen schon vergriffen, aber wir hatten uns ja auf der Marathon-Expo schon reichlich eingedeckt. New York war wohl ziemlich traurig dass unsere Abreise immer näher kam, denn es regnete, schneite, stürmte alles auf einmal.

Gegen Mittag ging es dann schon wieder Richtung Flughafen und nachdem uns fast alle Sicherheitsbeamten zu unserer Leistung gratuliert hatten saßen wir ratz fatz wieder im Flieger Richtung Heimat.

Mein Fazit:

Jeder Marathoni sollte sich dieses Spektakel einmal gönnen. Es ist zwar nicht billig den New York Marathon zu laufen, aber jeder einzelne Cent ist gut angelegt. Die Organisation unserer Reise hatte das Reisebüro „Reisezeit“ aus Berlin übernommen und man kann nur sagen dass sie ihre Arbeit 100%ig gemacht haben. Vom ersten bis zum letzten Tag hat alles, wirklich alles wie am Schnürchen geklappt.

Euer Bernd

 

 

 

Anzahl der Besucher 

147333